Paul d`Estournelles Person
Paul d’Estournelles de Constant – Ein vergessener Vorkämpfer für Frieden und Völkerverständigung
Paul Henri Benjamin Balluet, Baron de Constant d’Estournelles (1852–1924), war ein französischer Diplomat, Politiker, Pazifist und einer der bedeutendsten frühen Vertreter der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. 1909 erhielt er gemeinsam mit dem Schweizer Élie Ducommun den Friedensnobelpreis.
Leben und Wirken
Geboren 1852 in La Flèche (Sarthe), entstammte er einer alten französischen Adelsfamilie. Nach dem Studium der Rechte trat er in den diplomatischen Dienst ein und war unter anderem in Deutschland, den Niederlanden und auf dem Balkan tätig. Ab 1895 gehörte er der französischen Nationalversammlung und später dem Senat an.
D’Estournelles wurde zu einem der leidenschaftlichsten Gegner des europäischen Wettrüstens und Militarismus. Bereits 1896 warnte er in einem vielbeachteten Artikel in der Revue des Deux Mondes mit dem Titel «Le péril prochain» vor dem drohenden Niedergang Europas durch nationalistische Konfrontationen und Rüstungswettlauf – eine Analyse, die heute erschreckend aktuell wirkt.
Er setzte sich massiv für die Errichtung eines ständigen Internationalen Gerichtshofs ein. 1899 und 1907 war er massgeblich an den Haager Friedenskonferenzen beteiligt. Ab 1900 war er Mitglied des Ständigen Schiedshofs in Den Haag. Nach dem Ersten Weltkrieg äusserte er sich 1921 als Delegierter beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag bitter über die Kriegspropaganda:
«Unsere öffentliche Meinung wurde mit offiziellen Lügen dermaßen übersättigt, dass sie nicht plötzlich das Licht wahrnehmen und die Wahrheit sehen kann.»
Verbindung zur Schweiz
Die Schweiz spielte in d’Estournelles’ Leben eine wichtige Rolle. Er pflegte enge Kontakte zu Schweizer Pazifisten und war mit Bertha von Suttner (Friedensnobelpreisträgerin 1905) freundschaftlich verbunden. In Bern leitete er zeitweise die französische Delegation und knüpfte dort enge persönliche Freundschaften, unter anderem mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Recklinghausen, die während des Krieges in der Schweiz Zuflucht fanden. Sein Engagement für Völkerverständigung und Schiedsgerichtsbarkeit stand in enger ideeller Nähe zur schweizerischen Tradition der Neutralität und des humanitären Völkerrechts.
Nachwirken
Obwohl er zu Lebzeiten international hoch angesehen war, geriet Paul d’Estournelles de Constant nach seinem Tod 1924 weitgehend in Vergessenheit. Seine Mahnungen vor nationalistischer Propaganda und blindem Militarismus behalten bis heute ihre erschreckende Aktualität.
Beste 3 Links
- Revue de presse: L’axe du monde – Histoire Globale – Ausführliche Darstellung seines Artikels «Le péril prochain» von 1896
- Bertha von Suttner – Nachruf von Paul d’Estournelles – Persönlicher Nachruf von d’Estournelles auf Bertha von Suttner
- Deutscher Historischer Jahrweiser – Paul d’Estournelles de Constant – Zitat und biografischer Kontext nach dem Ersten Weltkrieg
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